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Der Weimarer Lehrer Wolfram Lebede über seine Kriegserfahrung

Mutter Russland

Der Tag der Befreiung kam für Wolfram Lebede erst viel später als im Mai 1945.

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir diesen Leserbrief an die "Thüringer Allgemeine", weil wir der Meinung sind, dass es wichtig ist, an jene Zeit zu erinnern und uns immer vor Augen zu führen, welch unermessliches Leid der deutsche Faschismus - "Nationalsozialismus" mit seinen Handlangern über die Völker Europas gebracht hat und folgerichtig der Krieg dahin zurück kehrte von wo er 1939 und am 22. Juni 1941 ausging. Das sollte niemals vergessen werden!

Alljährlich im Mai schweifen die Gedanken vieler Menschen zurück an das Kriegsende 1945. Für mich jedoch begann zu diesem Zeitpunkt ein neuer prägender Lebensabschnitt. Ich besuchte das Maria-Magdalenen-Gymnasium in Breslau seit 1938.

Lebede Weimar

Foto: Sascha Fromm/TA
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Bereits im Januar 1944 hatte der Krieg seine Krallen nach uns Schülern ausgestreckt, und so landete unsere ganze Klasse aus 16-Jährigen in einer "Heimatflakbatterie" am Rande der Stadt. Nach einer Schnellausbildung, die uns damals wegen der Technik sogar interessierte, bildeten wir "Luftwaffenhelfer" in der Batterie mit etwa 30 Mann die Mehrheit.

Aktive Soldaten gab es kaum. Zum Schein erhielten wir noch Schulunterricht in unseren Baracken. Die ersten Monate verliefen in Schlesien noch verhältnismäßig ruhig. Aber das sollte sich sehr schnell ändern.

Der Krieg hatte uns bald voll im Griff, besonders nachdem die Stadt zur Festung erklärt wurde. Im Schnellverfahren wurden wir in die Wehrmacht übernommen, damit keine Einschränkungen für unseren Kampfeinsatz mehr möglich waren.

Die ersten Jungen aus meiner Klasse wurden in den Westteil der Stadt zum Straßenkampf beordert und es gab bald unter ihnen die ersten Opfer. Als der Nachschub über den Flughafen Gandau immer schwieriger wurde, begann man in Versorgungsbomben Lebensmittel, Medikamente und Munition abzuwerfen.

Die Ablösung des Festungskommandanten und die standrechtliche Erschießung des Oberbürgermeisters zeigten uns, dass eine kampflose Übergabe der Stadt nicht mehr zu erwarten war.

Dass außerdem auf Befehl des Gauleiters Hanke eine zwei Kilometer lange Prachtstraße einschließlich zweier Kirchen von der Wehrmacht gesprengt wurde, um daraus eine Rollbahn unter schärfster Einbeziehung ziviler Kräfte anzulegen, war sicher ein Zeichen der Schizophrenie eines solchen Krieges. Die Rollbahn wurde nur ein einziges Mal genutzt: Hier startete der Gauleiter kurz vor der Kapitulation, um seine Haut zu retten.

Die Kapitulation am 6. Mai begann für uns nach der Waffenübergabe mit einem zweieinhalbtägigen Marsch in einem Riesenbogen um unsere Stadt. Hier bot sich uns ein weiteres Bild des Grauens: Die Folgen einer offenen Feldschlacht.

In mehreren Dörfern, durch die wir kamen, hatten sich Bauernhäuser in Notlazarette verwandelt.

Am 8. Mai standen wir vor einem ehemaligen Ausländerbarackenlager der Borsigwerke. Dieses diente als Quarantänelager für die nächsten vier Wochen.

Von dort aus erfolgte ab 8. Juni eine Reise von insgesamt 40 Tagen in Güterwagen bei sommerlicher Hitze. Die erstaunliche Dauer war der Tatsache geschuldet, dass viele Bahnanlagen zerstört waren und es auch schwierig war, täglich für etwa 800 Gefangene Trinkwasser und Brot zu beschaffen.

 

Arbeit in Betrieben und in der Landwirtschaft

Die deutsche "Taktik der verbrannten Erde" bekamen wir jetzt zu spüren.

Am 19. Juni trafen wir in Tschernikowsk, 12 Kilometer vor der baschkirischen Hauptstadt Ufa, ein. Bis hierher war der Krieg nicht vorgedrungen.

Die Stadt war eigentlich erst nach 1941 aus einem Dorf entstanden, weil die Sowjetunion viele Produktionsbetriebe in den Osten evakuieren musste.

Hier arbeiteten wir in verschiedenen Bereichen, im Bauwesen, in der Ziegelei, im Flugzeugmotorenwerk, in der Sperrholzfabrik, in der Landwirtschaft und anderswo.

 

Die harten Jahre wurden zu einer Lebensschule

Unsere Versorgung wurde nach den Regeln des Internationalen Roten Kreuzes durchgeführt. Zum Beispiel gab es 720 Gramm Brot und dreimal warmes Essen täglich. Alle zehn Tage ging es in die Sauna mit Wäschewechsel sowie monatlich eine Vorstellung bei der Ärztekommission. Auch einen Zahnarzt gab es im Lager.

Bereits 1947 gingen erste Krankentransporte in die Heimat. Für viele unglaublich, aber wahr die Kulturarbeit spielte in diesem Lager eine große Rolle: Chor, Orchester, literarische Zirkel, Theater und Varieté halfen den Geist frisch zu erhalten. Auch eine Bibliothek war vorhanden.

Auch religiöse Veranstaltungen konnten ohne Schwierigkeiten durchgeführt werden. Im August 1947 trafen die ersten deutschen Zeitungen ein. Bis dahin mussten wir uns mit Übersetzungen aus der sowjetischen "Prawda" an der Wandzeitung begnügen.

Nach ersten Anfangsschwierigkeiten mit dem Postverkehr schrieben wir jeden Monat eine Karte nach Hause (insgesamt 42 Karten, die original noch vorhanden sind). Die ersten 435 Tage galt ich für meine Eltern als vermisst. Als am 23. März 1949 das Lager aufgelöst wurde, konnten wir Bilanz ziehen: Trotz aller Widerwärtigkeiten war diese Zeit für einen jungen Menschen eine Lebensschule.

 

Als Lehrer die Liebe zum Frieden vermittelt

Ich verließ dieses Land mit großer Hochachtung vor den Leistungen dieser Menschen, die sie während des Krieges und auch in den Jahren danach vollbracht hatten. Als Lehrer hatte ich Gelegenheit, meine Liebe zu Frieden und Völkerverständigung meinen Schülern weiterzugeben.

 

Wolfram Lebede, Weimar

 

 

Quelle: 21.05.12 / TA http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/TA-Leser-ueber-die-Befreiung-nach-Kriegsende-1945-259262702

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